Ausstellung St. Dionysius, Havixbeck
Februar - Juni 2016

Skulptur während der Aktionswochen "Heute ist Freitag"

o.T.
Stahl, Holz
140 x 170 x 500 cm
 

Friedhelm Mennekes

Abstrakte Zeichen in der Landschaft

Sie stehen seit einigen Jahren markant in der offenen Gegend, die raumgreifenden Skulpturen vonLudwig Maria Vongries. Bewusst sind sie vom Künstler in ein ihm bekanntes Umfeld gesetzt, dasihm gegenüberliegt. Hier finden sie die Kraft, den Blick für besondere landschafltiche Details zu schärfen und dem Betrachter zu helfen, ihren je eigenen, besonderen Charakter zu entdecken. So holen sie allesFremde ins Vertraute ein, vielleicht sogar in heimatliche Gefühle.Diese Zeichen zeigen sich in vertrauten Materialien, in Holz und Eisen und wenig anderem. Essind abstrakte künstlerische Äußerungen. Weder formulieren sie eine Aussage noch irgendeineIllustration. Sie stehen einfach da. Im Detail kühl. In der Form warm. Behauenes Holz. GeschmiedetesEisen. Im Rohen belassen. Sie stehen fest am Ort und überlassen sich Zeit und Natur. Dem Alternund Rosten. So stehen sie einfach da – und sind, was sie sind. Stumme Zeichen, doch nicht ins Eigene verschlossen, vielmehr zeigen sie sich, mit den Augen aufgenommen, leicht-beredt im Blick. Denn eines ist anders. Von ihnen geht eine einnehmende Wirkung aus. So wie sie sich zeigen, erwecken sie beim Betrachter schnell Beachtung und Gefallen. Sie wirken nicht fremd. Und lässt das Auge sich erst auf sie ein, entstehen schnell Interesse, Beziehung und Vertrautheit. Das hängt mit dem Charakter einer guten abstrakten Skulptur zusammen: „Sie klärt Raumerfahrung und definiert Zeit. Erwägungen und Gefühle für Balance, Labilität und Stabilität stellen sich ein“ - wie mir einmal Ansgar Nierhoff (1941-2010), der erste Künstler, den ich in Köln ausstellen durfte, klar und präzise erklärte. Und darin liegt denn auch die Chance derer, die sich darauf einlassen. Darauf sollte jede kritische Würdigung hinweisen, mehr nicht. Den Rest macht der Mensch in ihrem Umfeld – so er sie anschaut und sich mit ihnen Mühe macht.

Die relative Leichtigkeit des Holzes und die Schwere von Eisen und Stahl entsprechen als Material der Selbstverständlichkeit, mit der sich die Arbeiten schließlich an einem Ort einfinden.  Die abstrakte ‚Sprache‘ der Komposition korrespondiert mit den vielgliedrigen, mit ihrer Umgebung kommunizierenden Vernetzungen und Verortungen ihrer Positionen. Das Ergebnis ist dann für sehr viele Menschen nie anstößig, wohl aber anstoßend: Die Arbeiten ziehen eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich, lenken aber dann durch die Klarheit ihrer Form und ihrer Weise zu sein den Blick auf das Umfeld und vermitteln die verblüffende Erfahrung, einen bestimmten Raum und Umraum auf eine ganz neue Weise wahrzunehmen. Sie entschlüsseln den Blick. Sie sind – obwohl ganz und gar gegenständliche Skulptur - Tore zur Wahrnehmung. Das schätze ich an ihnen vor allem.

Die Kunst von Ludwig Maria Vongries hat für mich die Eigenschaft, dass sie nicht nur sich selbst präsentiert, sondern dass sie auch anderes entdecken lässt, das der normale Zeitgenosse nicht mehr sieht, bzw. nicht mehr zu sehen gelernt hat. Es ist ein Sehen aus dem Kontrast, ein dialektisches Begreifen, das erst im Erfassen einer kunstbegeisterten Zweiheit zur Wahrnehmung der jeweiligen Einheit freigesetzt wird. Alle seine Arbeiten prägen auf je eigene Weise die Räume, in denen sie aufgestellt sind; ja, durch ihre bloße unbedingte Präsenz befragen sie die räumlichen und inhaltlich definierbaren Bedingungsfaktoren ihrer Umgebung und vermögen in den geistigen Prozessen, die sie auslösen, deren einzelne Faktoren offenzulegen. Darin besteht das Aktive, Ansprechende und Impulsgebende dieser Werke. In ihren Bann wird schließlich auch der Betrachter selbst hineingenommen.