Geometrie und Natur – Freiheit und Ordnung

Prof. Dr.Thomas Sternberg

An landschaftlich reizvoller Stelle der münsterländischen „Baumberge“ liegt die um 1900 gestiftete und erbaute Abtei Gerleve. In dem ausgedehnten Parkgelände, das harmonisch Landschaft und Architektur ineinander übergehen lässt, realisiert der Künstler Ludwig Maria Vongries von Herbst 2016 bis Herbst 2017 vier seiner markanten, großen Skulpturen aus Stahl und Holz. In der Kunst ist Stahl durch die Skulpturen Richard Serras und Eduardo Chilidas besondersbekannt geworden. Es ist ein sprödes, strenges Material, das sein Gewicht, seine Härte und auch seinen Entstehungsprozess aus Feuer und Erz geradezu körperlich erfahrbar werden lässt. Die genannten Künstler haben gezeigt, wie harmonisch die Einbettung ihrer strengen, manchmal minimalistischen, vollkommen abstrakten Objekte in Landschaft, Natur undArchitektur gelingt.

Der Stahl steht für ein natürliches, aber gleichwohl erst durch Bearbeitung entstandenesMaterial. Vongries setzt gegen die geometrische Strenge der geschmiedeten und gewalzten Stahlplatten mit ihren glatten Flächen die organischen Formen unbehandelten, roh gespaltenen Holzes. Holzstücke und in der Länge halbierte Baumstämme ergänzen oder durchdringen die Formen. Das Holz zeigt seine organisch gewachsenen Strukturen: Maserung, Spaltungsrauigkeit, die Sägefläche – die Spuren der Geschichte einer natürlich gewachsenen Materie, die nur grob zurechtgeschlagen oder gesägt ist.

Der Künstler hat keine Angst vor der großen, dadurch auch pathetischen Form. Es handelt sich um Objekte zwischen 1,4 bis zu 5 m Höhe, die zunächst vollständig im Kopf entwickeltwerden, bevor sie im Maßstab 1 : 10 als Modell Gestalt annehmen. Hierin ist Vongries seinem Vorbild, dem österreichischen Künstler, Architekten und Buchgestalter Walter Pichler (1936 – 2012) ähnlich, der seine Skulpturen in oft jahrelanger Arbeit behutsam undruhig entwickelte.

Skulpturen schaffen Räume, sind nur dreidimensional wirklich erfahrbar. Sie definieren Raum auch und vielleicht gerade dort, wo Leere zu sein scheint. Vor der Klosterpforte liegt ein 1,4 auf 1,4 Meter großer stählerner Kubus, der von zwei rohen Eichenscheiten durchstoßen wird.. Bei dieser Skulptur wird die Gegensätzlichkeit von Holzstamm und geformtem Eisen besonders erlebbar. „Cube“ – Würfel – lautet der Titel. An der baumgesäumten Geländekante zwischen zwei Wegen kurz vor der Klosterbuchhandlung erheben sich zwei senkrechte Trägerelemente, die zwei längs zersägte Hälften eines Baumstamms in der Luft schweben lassen. Sie schaffen im Park die Verbindung zwischen zwei Landschaftsräumen und bilden insofern ein Fenster. Zwischen den beiden riesigen Scheiten wird ein leerer Raum definiert, der in Spannung zu den schwebendenKörpern steht. Um ihn geht es in der Arbeit vor allem. „Large Space“ – großer Raum, nennt sich das Werk.

Stehen wir bei diesen so abstrakt-reizvollen Arbeiten vor auch thematischer Kunst? Anfang 2016 zeigte Vongries in der Pfarrkirche St. Dionysius in Havixbeck eine Skulptur, die ein riesiges – auf einen lanzettförmigen Stahl aufgespießtes Holzscheit zeigt. Im Kontext des Kirchenraumes lässt sich unwillkürlich an ein Kreuzigungsbild denken. Das hängende Holz wird zur Metapher des menschlichen Körpers. Auf der Fährte des Gegensatzes von Körperlichkeit und Ordnung, ergeben sich weitere Assoziationen bei Vongries’ Objekten. Vor die bemerkenswerte Architektur des Neubaus von Josef Paul Kleihues aus dem Jahre 1987 platziert Vongries seine 5 Meter hohe „Large Column“. Hier scheinen sich die zwei überlebensgroßen Holzscheite aneinander zu reiben, wirken sie wie von der schmalen, leichten Trägerkonstruktion empor gehoben. Die versetzte, hoch über dem Boden angeordnete Hängung und die sie überragende Stange sind in eine Dynamik gebracht, die an einen Aufstieg denken lässt. Eingerahmt von altem Baumbestand vor der Abteikirche lädt die Besucher die Skulptur„Little Space“ zu einem Blick durch den ‚kleinen Spalt‘ ein. So gerät die Klosterpforte einladend ins Visier. In einer senkrecht aufgestellten Stahlplatte von 1,2 x 2 Meter ist ein Rechteck ausgeschnitten, das zwei halbierte Baumstücke aufnimmt. Die gespaltenen Hälften sind mit ihren Außenseiten zueinander gedreht und geben einen Durchblick frei. Die beiden Holzkörper treten in Beziehung. Der Raum zwischen ihnen hält die Spannung und bietet Spielraum zu Interpretation.

So können die so abstrakten Skulpturen auch thematisch gelesen werden. Und doch ist es vor allem der formale Reiz der Formen in der Umgebung der Natur des Klostergeländes, der über Kontraste nachdenken lässt: leicht und schwer, geometrisch und kreatürlich, scharfwinklig und krumm, glatt und schrundig, ein- und vielfarbig, statisch und dynamisch, kalt und warm, geschlossen und offen, Natur und Nichtnatur, Mensch und Ding, Bindung und Freiheit, Kreatürlichkeit und Konvention, Zusammenhang und Differenz. Das sind Gegensatzpaare, die sich in der Betrachtung der zumeist gedoppelten Skulpturenelemente einstellen mögen.

 

 

 

Von der Kraft der Gegensätze

Dr. Annette Georgi, Münster

Unverrückbar und groß stehen sie vor uns. Sie stellen sich uns souverän entgegen, fordern uns heraus und werfen uns auf uns selbst zurück. Wie kommt es, dass wir die Arbeiten von Ludwig Maria Vongries als ernst zu nehmendes Gegenüber wahrnehmen und uns auf einen Dialog einlassen? Vor allem ist es das gelungene Zusammenwirken der Faktoren Dimension, Material, Komposition und Raum.

Ludwig Maria Vongries verbindet die grundlegend verschiedenen Werkstoffe Stahl und Eichenholz zu großen spannungsreichen Kompositionen. Es findet ein Dialog der Werkstoffe statt, dem der Betrachter nachspüren kann. Dabei wird er feststellen, dass die Funktion der einzelnen Materialien innerhalb der Komposition klar definiert ist. Rein formal ist die “Rollenverteilung“ eindeutig, wobei die Ausgewogenheit der Komposition durch die spezifische gegenseitige Bezugnahme erreicht wird. Beide Aspekte bedingen sich gegenseitig und wirken in ihrer schlüssigen Zusammenstellung nur gemeinsam. Ob es ein Durchdringen, Verletzen oder Halten ist, immer sind es beide Materialien, die in ihrer Abhängigkeit voneinander die Klarheit des Werkes verantworten. Durch ihre klare formale Verdichtung sind die Arbeiten von einer Allgemeingültigkeit, die das Wesen eines jeden offenen Betrachters ansprechen, ihn herausfordern und hinterfragen.

Obwohl die verwendeten Materialien für Kontinuität und Verlässlichkeit stehen, findet mit der Zeit eine Veränderung statt. Die Oberfläche wandelt sich durch den Einfluss der Witterung. Hierbei wird das Holz tendenziell grauer und nähert sich somit der Farbigkeit des Metalls an, das Metall hingegen bekommt ein bräunliches Kolorit, das an die Farbigkeit des Holzes denken lässt. Auch dieser Aspekt: der Dialog des Werkes mit der Zeit, mag Anlass sein, Interpretationen zu wagen.

Die größte Variable im Beziehungsgeflecht der Vongries’schen Arbeiten ist jedoch der mit ihm konfrontierte Mensch. Jeder wird die Klarheit und Sicherheit der Arbeiten spüren, ihre Stabilität hinsichtlich Komposition und Inhalt. Jeder offene Betrachter mag in eine Kommunikation einsteigen und ahnen, dass es hier um etwas Grundlegendes und Existenzielles geht. Die Werke machen ein Angebot, das durchaus zu einer kritischen Hinterfragung des Selbst führen kann – aber nicht muss. Wer sich einlässt, kann sich sicher sein, gehalten zu werden, bieten uns die Arbeiten doch die kompromisslose Verbindlichkeit, die wir brauchen, um uns den wichtigen Fragen des Lebens zu stellen. Sie sind ausgewogen, verlässlich und stark und können uns ein durchaus qualifizierter Gesprächspartner sein.

 

Eros und Thanatos

Dr. Josef Kern, Würzburg

Als Student der Theologie, Philosophie und Germanistik begegnete Ludwig Maria Vongries in den frühen 1980er Jahren im Würzburger Priesterseminar drei außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeiten, die bis heute für die eigene Kreativität ausschlaggebend werden sollten: Robert Höfling, das „enfant terrible“ der unterfränkischen Kunstgeschichte, den Wiener Ernst Fuchs, Protagonist des Phantastischen Realismus, sowie den Bildhauer und Grafiker Alfred Hrdlicka.

Höflings dialektisches Verständnis von Eros und Thanatos, Sexualität und Tod prägt das bildhauerische Schaffen Ludwig Maria Vongries‘ bis heute. Alfred Hrdlicka beeindruckte Vongries mit seiner Darstellung physischer Gewalt, von verdrehten Körpern und der unglaublichen Wucht und dem Schmerz im Ausdruck. 1974 schuf Hrdlicka den 53-teiligen Radierzyklus „Wie ein Totentanz“ zum Attentatsversuch auf Hitler 1944. Die Fleischerhaken der Hinrichtungsstätte Plötzensee in diesen Bildern sind Vongries bis heute im Gedächtnis geblieben und haben Einfluss auf seine Gestaltung.

Anders als diese Vorbilder arbeitet Vongries abstrakt. In seinen längs halbierten Baumstämmen lassen sich menschliche Körper nur erahnen: Sie stehen sich gegenüber, wenden sich voneinander ab, ergänzen sich oder bilden einen spannungsgeladenen Zwischenraum. Dazu kommt der Stahl. Er hält und durchstößt das Holz - oder wird vom Holz durchstoßen. Stahl und Holz als materielle und formale Gegensätze, die sich aber bedingen, einander brauchen, einander ausgeliefert sind. Vongries interessiert die Strenge und die Einfachheit der Form. In der Beschränktheit der Materialien und der Formen zu variieren sieht er die größte Herausforderung.

Anregungen holt sich Vongries weiter aus der Kunstgeschichte sowie von Künstlern der Gegenwart: In diesem Zusammenhang nennt er Constantin Brancusis „Unendliche Säule“, Arnulf Rainer, der von sich selbst sagt, dass er vom Kreuz nicht mehr loskomme, Richard Serra, der mit seiner Schwere die Leichtigkeit erfindet, den Briten David Nash, der mit sehr einfachen Holzskulpturen neue Welten erschafft und nicht zuletzt Joseph Beuys, der in jedes Kunstwerk einen heiligen Kern gesetzt hat.